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…Guinea-Bissau (kurz GB) ist ziemlich auf den Hund gekommen und ein gern genanntes Beispiel für einen ‚Failed State‘. Totales Organversagen, ein gescheiterter Staat! Für Länder dieser Art gibt es sogar einen entsprechenden Index, den Failed State Index. Seit kurzem etwas freundlicher in Fragile State Index umbenannt, den Index der ‚zerbrechlichen‘ Staaten. GB schoss nach der Jahrtausendwende förmlich auf die vorderen Indexränge und steht heute immerhin leicht konsolidiert noch auf Platz 19 weltweit. Derzeitige Einstufung: ‚Alert‘. Das bedeutet leider, dass der Staat bereits als gescheitert anzusehen ist. Nicht nur die Wirtschaft, sondern auch die politischen Strukturen im Land waren zwischenzeitlich völlig zusammengebrochen und erholen sich nur langsam.

Stellen Sie sich vor, in Deutschland landen nachts nicht gekennzeichnete kolumbianische Jets. Mal in Berlin-Schönefeld, mal auf der mit Notstromaggregaten beleuchteten A24 zwischen Walsleben und Neuruppin. Bundeswehreinheiten entladen hinter dem Rücken der Regierung in Windeseile tonnenweise feinsten Schnee von höchster Reinheit. Anstatt die Verantwortlichen bei der Bundeswehr rauszuschmeißen, lanciert die düpierte Bundesregierung lieber ein Bombenattentat gegen den Generalinspekteur der Bundeswehr. Die ertappten Generäle, die für die lukrativen Nebengeschäfte verantwortlich sind, kneifen jedoch nicht reumütig den Schwanz ein oder setzen sich in ein Land ohne Auslieferungsabkommen ab, sondern senden stattdessen eine Panzerdivision zum Reichstag, während Fallschirmjäger das Kanzleramt besetzen und Angela Merkel mit einer Machete in Stücke hauen. 2012 soll sich in Guinea-Bissau mehr oder weniger genau das abgespielt haben.

Große Mengen Kokain finden auch heute noch ihren Weg über den hier besonders schmalen Südatlantik. Von Südamerika über Guinea-Bissau nach Westeuropa. Auf der Suche nach Einnahmequellen ist das Militär nicht wählerisch. Anfangs wurde der Stoff noch in See-Containern versteckt, später ganz unverblümt über den internationalen Flughafen von Bissau eingeflogen. Es wird behauptet, dass die Verantwortlichen Militärs namentlich bekannt sind. Doch jede Regierung in GB ist abhängig vom Wohlwollen der Generäle. Die internationale Staatengemeinschaft schaut derweil fassungslos, weil angeblich machtlos, zu. Finanzierung von Armee und Teilen des Staatshaushaltes mit Drogengeldern, die staatlichen Strukturen zusammengebrochen sind und der Zustand staatlicher Behörden und Organe mit ‚nicht funktionstüchtig‘ noch wohlwollend umschrieben – augenscheinlich werden viele Kriterien eines Failed state zur vollsten Zufriedenheit erfüllt. Legt man das Funktionieren von Staat und Verwaltung als Messlatte an, liegt Donald Trump mit seiner Bezeichnung ‚Shithole-country‘ hier goldrichtig. Allerdings würde das den großartigen, friedlichen und herzerwärmenden Menschen Unrecht tun, die leider nichts an den politischen Gepflogenheiten ändern können. Insbesondere die Angewohnheit ihres Führungspersonals, Konflikte schwer bewaffnet auszutragen, scheint nur schwer therapierbar.

Bissaus Gerüchteküche brodelt derweil weiter. In den Bars werden wilde Stories zum Besten gegeben. Vielleicht transportieren die Flieger mittlerweile afghanisches Heroin zurück nach Südamerika, der Ableger des IS im Maghreb könnte seine Finger im Spiel haben, das reinste Kokain gibt’s direkt auf dem Polizeirevier in Bissau und, und, und… Andere behaupten „alles Quatsch!“ Ich werde das ganz bestimmt nicht rauskriegen. Tut mir leid, aber in diesem Themenfeld möchte ich nicht einmal verbal stochern. Beherzigen werde ich dagegen den Ratschlag meines chinesischen Freundes Chi, der mir schon vor einiger Zeit mit einem Schmunzeln um die Mundwinkel die goldene Regel „Stay away from the Spanish speaking guys with the dark glasses!“ mit auf den Weg nach GB gab.

Erstaunlicherweise haben die Extravaganzen der Führungseliten nicht auf das einfache Volk abgefärbt. Das gilt als eines der friedlichsten und freundlichsten in ganz Westafrika…

… Die Casamance, das gelobte Land! Überall im Senegal spricht man von der Casamance, wie vom Garten Eden. Es ist wieder ein breiter Strom, weit bis ins Landesinnere von Ozeanschiffen zu befahren, der einer Region, in der Milch und Honig zu fließen scheint, seinen Namen gibt. Um in die Casamance zu gelangen, müssen die Bewohner des nördlichen Teils des Senegal fast zwangsläufig durch Gambia. Wie schon erwähnt: ‚The Gambia‘ ist den Senegalesen immer im Weg. Ein paar Kilometer hinter der Grenze wandelt sich die Landschaft fast augenblicklich. Die Savanne wird grüner und von tropischer Vegetation abgelöst, Mangroven und ausgetrocknete Überschwemmungsgebiete rücken ins Sichtfeld. Aus Polizisten werden in der Casamance Soldaten, aus Stöckchen Kalaschnikows. In vielen Ländern Westafrikas sind Polizeikontrollen auf offener Strecke nichts Ungewöhnliches. ‚Les-mangent-milles‘ werden die Polizisten im Senegal genannt. Die ‚Tausender-Fresser‘, da bei diesen Kontrollen natürlich kleine Scheinchen den Besitzer wechseln. Nach einer Pseudo-Kontrolle des Papierkrams und Zahlung der ‚Straßenbenutzungsgebühr‘ wird das Fahrzeug nach einem Blick in die Fahrgastzelle meist umgehend durchgewunken. Eine Überprüfung der Fahrtüchtigkeit des Vehikels wäre eine Abendfüllende Beschäftigung. Aber in der Casamance ändert sich das, zweimal müssen wir auf dem Weg in die Provinzhauptstadt Zuguinchor das Fahrzeug verlassen und die Pässe vorzeigen. Kontrolliert von Soldaten im Drillich, deren automatische Waffen deutliche Gebrauchsspuren aufweisen. Denn in der Casamance leben die Diola, ein rebellisches Völkchen. Die Diola verfolgen das Prinzip, du sollst neben deinem Häuptling keine weiteren Häuptlinge haben. Der Häuptling und nicht die Polizei, die Regierung oder gar das Finanzamt sind für den weltlichen Rahmen zuständig. Das Spirituelle regelt ein Fetischpriester, aber bitte nicht irgendwelche Leute, die meinen mit Mohammed oder Jesus in Kontakt zu stehen. Mit dieser Einstellung haben sich in den letzten fünfhundert Jahren von den Portugiesen, über die Franzosen bis hin zur senegalesischen Zentralregierung alle offiziellen staatlichen Stellen schwer getan und sich eine blutige Nase geholt. Die Diola leben in einer Art archaischer Kollektivgesellschaft, die in eine übergeordnete staatliche Ordnung nur schwer zu integrieren ist. Manche Soziologen behaupten, dass sie Marx und Engels vorweggenommen haben. Der militärische Arm des Stammes, die MFDC, verhält sich angeblich jetzt schon seit Jahren ruhig. Trotzdem gibt es unwegsame Gegenden, die für Reisende noch off-limits sind. Was wiederum dazu führt, dass der senegalesische Staat in der Casamance seine harte Hand zeigt. Trotzdem hoffe ich, noch etwas von den althergebrachten Lebensformen der Diola zu sehen…

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