zur Fotogalerie

… Hassans Residenz mitten im Busch muss man erst einmal erreichen. Schon wieder ist der ÖPNV das Thema. Oder die afrikanische Variante davon. Das Buschtaxi, der übliche alte Peugeot-Kombi der 500er-Reihe, besitzt keinen Starter mehr und wird vom Fahrer voll besetzt angeschoben. Das bedeutet, er muss aufspringen, wenn die Kiste rollt und sich auf den Fahrersitz quetschen. Das ist gar nicht so ganz einfach, da inklusive Fahrer in Guinea üblicherweise vier Erwachsene auf der Vorderbank sitzen und unser Chauffeur nicht gerade ein Hungerhaken ist. Da es unterwegs natürlich diverse Stopps gibt, um Öl und Wasser aufzufüllen oder irgendetwas an der Mechanik zu flicken, muss diese Prozedur ständig wiederholt werden. Insgesamt sind wir also zu zwölft auf drei Bänken im Kombi verteilt. Halt! Es fehlen noch die quergelegten Kinder. Immerhin sind es diesmal nur zwei, tutto completti also vierzehn Passagiere im Innenraum: – wir nähern uns der Platzbelegung, die in Guinea als Vollauslastung betrachtet wird. Die ist aber erst erreicht, wenn auch das mit Gepäck beladene Dach nicht ungenutzt bleibt: Auf einem entgegenkommenden Taxi zähle ich sieben Personen, die hoch oben auf einem Gepäckberg thronen. Zwanzig plus ist also durchaus realistisch für diese altersschwachen französischen Panzer. Erst dann grinst der Fahrer breit, weil er jetzt so richtig ins Verdienen kommt. Heute ist noch ein Ziegenbock an Bord. Während der Fahrt überkommt das zwischen Kanistern auf dem Dach verzurrte Huftier unglücklicherweise ein tierisches Bedürfnis. Mangels Regenrinne und Seitenscheiben werden wir Fahrgäste im Innenraum mit einem feinen, aber streng riechenden Spray beglückt. Zumindest bis der Fahrer dem Spuk ein Ende macht. Nach einer Vollbremsung bekommt der inkontinente Bock auf dem Oberdeck aus einer umfunktionierten Zeltplane eine Windel verpasst – und das Leck ist abgedichtet. Die Straße nach Doucki ist natürlich wieder keine. Ihr Vorhandensein hat sich wohl eher einfach so ergeben. Vieh rennt durch den Busch, Menschen folgen den ausgetrampelten Spuren zwischen Dornenbüschen hindurch, später quälen sich Mopeds den Pfad entlang, bevor Autos und Lastwagen sich an der Piste versuchen. Hier und da ein noch ein Spatenstich, et voilà, la route est finie, so zumindest meine Vermutung. In Guinea ist es möglich, wahllos eine Straße von der Landkarte zu picken und schon ist eine Weltmeisterschafts-würdige Rallye-Sonderprüfung abgesteckt. Vorausgesetzt die Straße ist noch da, denn die Karte wird in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts angefertigt sein und noch von den Franzosen stammen. Seitdem sind eine Menge Regenzeiten über das Land hinweggezogen und diverse Straßen wurden einfach ausradiert …

… Der Ressourcenfluch trifft heute viele Länder Westafrikas mit brachialer Gewalt. Wirtschaftszweige verschwinden, bis eine fast vollkommene Abhängigkeit von den Rohstoffeinnahmen hergestellt ist. Meist sind in diesen Ländern autoritäre Regime an der Macht, in denen Korruption allgegenwärtig ist. Die Bad Guys investieren aber nicht in Schulen und Straßen, sondern lieber in Waffen. Die eigenen Pfründe aus der »Rohstoff-Rente« müssen verteidigt werden. Laut Berechnungen des Professors am Zentrum für afrikanische Ökonomien der Universität Oxford, Sir Paul Collier, steigt das Bürgerkriegsrisiko bei Staaten, die überwiegend von Rohstoffen leben um das 40fache gegenüber Ländern, denen es an Rohstoffen mangelt. Da die Rohstoffe so wertvoll und oft die einzig verbliebene relevante Einnahmequelle sind, wird lange und ausdauernd um sie gekämpft. Sezessionsbewegungen, Söldnertruppen, feindselige Stämme, schwerbewaffnete Warlords, religiöse Fanatiker: Afrika hat all das zu bieten, jeder kämpft um sein Stück vom Kuchen…

… Kleine Randnotiz: 2008 fand in diesem gar nicht so fröhlichen Chaos ein Putsch statt, den die Guineer als »Deutschen Putsch« bezeichnen. Laut einem Artikel in der WELT putschte sich Moussa Dadis Camara zum Chef einer Junta, die das Land ein Jahr lang mit eiserner Hand beherrschte. Sein Markenzeichen ist das rote Barett mit einem Abzeichen der deutschen Fallschirmjäger. Das Abzeichen hat er sich ehrlich verdient. Vier Jahre lang wurden Camara wie auch andere Junta Mitglieder von der Bundeswehr in Deutschland ausgebildet. Der perfide Plan für den Putsch wurde aus Sicherheitsgründen in deutscher Sprache ausgeheckt – eine Sprache, die in Guinea ansonsten kaum jemand versteht. Die Junta beging in ihrer kurzen Herrschaft brutale Massaker an der eigenen Bevölkerung, teils mit aufgepflanztem Bajonett. Die Bundeswehr bildet schon seit langem Offiziere aus unterschiedlichen Ländern aus, unter anderem um demokratische Werte zu fördern. In der Vergangenheit nahmen allein achtundzwanzig afrikanische Staaten an den Programmen teil – sicher nicht alle demokratisch. Bei Camara ging der Schuss nach hinten los. Statt daheim demokratische Strukturen zu stützen, sorgte er mit seinen Schergen für weitere Flüchtlinge…

… In Dalaba mache ich letztmals Station bevor ich mein Fernziel Conakry, die Hauptstadt Guineas, erreiche. Die lange Kette exotischer und verheißungsvoller Orte, die in Cádiz vor mir lag, ist auf nur noch zwei Namen zusammengeschrumpft. Das drei Sterne »Hotel du Fouta« wurde als Erholungsheim für französische Truppen im kühlen, 1200 Meter hoch gelegenen Dalaba erbaut und erinnert mich stark an die Kulisse eines Steven King Romans. Schon der Check-in ist spooky. Acht Typen, bekleidet mit einer Kollektion aus Fußballtrikots und verwaschenen Werbe-T-Shirts, lungern in der Mittagshitze auf Fußboden und Möbeln um die Rezeption herum. Niemand beachtet mich, niemand spricht mich an, ich bin Luft. Verschwitzte, staubige Reisende mit großen Rucksäcken scheinen sich hier öfter völlig grundlos in der Lobby zu materialisieren. Unmöglich für mich zu erkennen, wer zum Personal gehört und wer nur Schatten sucht. Ist der Dicke mit dem Shirt aus der norddeutschen Provinz »Pfingstlauf 2008« der Rezeptionist oder eher der Schmächtige mit dem Jubiläums-Shirt einer französischen Landfeuerwehr? Als potenzieller Gast stehe ich in der Hotelhalle herum und bewundere das Ambiente. »Was will der Kerl nur?«, scheint sich der Dicke auf der betagten Couch zu fragen. Schließlich werde ich ungeduldig und breche das beharrliche Schweigen und mit der scheinbar dreisten Frage, ob es nicht vielleicht ein Zimmer gibt. Eine der verschlafenen Gestalten erinnert sich daraufhin, dass er Hotelangestellter ist, löst sich vom Sofa und beginnt umständlich das Gästebuch zu studieren. Das wirkt zwar wichtig und professionell, ist aber wohl überflüssig, denn später entdecke ich nur zwei weitere Gäste – bei einer Kapazität von mindestens hundert Betten…

… Geweckt werde ich vom Geräusch eines Hackebeils. Noch leicht benommen schaue ich dem Koch zu, wie er auf einer Bank im Freien die frischgeschlachteten Hühnchen für das Abendessen ausnimmt. Belauert von zwei Geiern, die in sicherer Entfernung herumhopsen und darauf warten, dass ein Happen für sie abfällt. Ich bin kein großer Fleischesser in diesen Breiten. In Asien mutiere ich bei ähnlichen Verhältnissen oft zum Vegetarier. Doch in Westafrika scheint auch das Gemüse chronisch knapp und Fleisch ist immer ein Ausdruck von Wohlstand und Wertschätzung. Die Armen essen Brei mit ein paar ergatterten Fisch-, Fleisch- oder Huhnfetzen, wer es sich leisten kann, isst Fleisch. Das Grünzeug ist meist nur Deko. Natürlich sind die Malzeiten kein Ausdruck verfeinerter Sinnlichkeit. Der Zweck steht eindeutig im Vordergrund: Sie müssen satt machen. Heute Abend ist Fleisch nicht zu vermeiden. Also esse ich mein Huhn, obwohl es leicht bläulich schimmert und seltsam schmeckt. Lustlos stochere ich in dem zähen Vogel herum und vor meinem geistigen Auge tauchen wieder die zwei hopsenden Geier vom Nachmittag auf. Eine unschöne Idee kapert langsam, aber unaufhaltsam meine Gedanken, setzt sich hartnäckig fest: Auf meinem Teller liegt nicht das Huhn, sondern der Geier! …

Wer sich für die Ursachen des Elends in Afrika interessiert, sollte unbedingt “Der Fluch des Reichtums” von Tom Burgis lesen. Anhand vieler Beispiele aus afrikanischen Ländern schildert Burgis das Zusammenspiel von lokalen Machthabern, Warlords, internationalen Geschäftsleuten, Konzernen und Regierungen dar. Sie alle machen in Afrika Geschäfte vorbei an breiten Bevölkerungsschichten und lenken die Reichtümer aus dem Rohstoffabbau oft in die eigene Tasche. Detailliert und plastisch. Ein ungeheurer Erkenntnisgewinn für alle, die wissen wollen, warum es Afrika so schwer fällt, die Armut zu bekämpfen. Erschreckend!

zur Fotogalerie