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ÎLE DE GORÉE/SENEGAL

… Ich hocke auf einer Rettungsinsel, die ein Siegel mit dem Ablaufdatum – oder vielleicht auch dem nächsten TÜV-Termin – ‚03/2003‘ trägt, als das Boot den Hafen von Dakar verlässt. Gefühlte sechshundert Kinder, die mit mir auf dem überfüllten Schiff unterwegs sind, haben gerade begonnen das Alphabet zu lernen und üben es nun lautstark und eifrig auf ihrem Schulausflug. Dazwischen ihre keifenden Lehrerinnen, die verzweifelt versuchen ihre energiegeladenen Schutzbefohlenen irgendwie unter Kontrolle zu halten. Ich beschäftige mich derweil mit der Frage, warum die korrekte Bezeichnung unseres Vehikels, im Französichen ‚Chaloupe‘, doch so viel romantischer klingt, als das deutsche Pendant ‚Schaluppe‘. Dabei betrachte ich die verschiedenen improvisierten Befestigungen, Gurte, undefinierbares Altplastik, Ketten und ein Vorhängeschloss, die meine Rettungsinsel mit ‚la chaloupe‘ verbinden. In einem Notfall wäre vielleicht Houdini in der Lage das Ding vom Schiff zu lösen. Ich könnte die Rettungsinsel allenfalls mit einer Stange Dynamit zu Wasser lassen. …

DAKAR/SENEGAL

… Trotz Märkten und afrikanischer Medizin, es bleibt dabei: Dakar gefällt mir nicht, aber ich bleibe länger als geplant. Ich werde das Gefühl nicht los, mit der Stadt noch nicht fertig zu sein, dass Dakar seine Essenz im Geheimen vor mir verborgen hält. Trotz mehrfach verlängertem Aufenthalt und weiterem fruchtlosen Vagabundieren in Seitenstraßen, ändert sich das nicht. Heute muss ich wirklich raus aus dem Moloch! Leichter gesagt, als getan. Mein Taxi steht im engen, frenetischen Verkehr des quirligen Sandaga-Marktviertels, wir stehen im Stau auf den breiten Magistralen zum Hafen, nichts bewegt sich auf der Zufahrt zur Stadtautobahn. Anderthalb Stunden braucht das Taxi für die neun Kilometer zur Gare Routière Beau Marcherais in einer Vorstadt Dakars. Zwischen den sich wild einfädelndem PKWs, erstaunlich entspannten Pferdefuhrwerken, Motorrollern in selbstmörderischer Mission und Fußgängern mit Wahrnehmungsstörung, die gemeinsam jede Kreuzung verstopfen, arbeitet das Heer der Straßenhändler unter Gefahr für Leib und Leben. Auf der langen Fahrt habe ich genug Zeit darüber nachzudenken, was ich daheim kaufen würde, wenn ich auf dasselbe pfiffige Dienstleistungsangebot wie im Verkehrschaos von Dakar zurückgreifen könnte. Einen Kaffee sicherlich, einen Schokoriegel, ein belegtes Brötchen oder eine Packung Zigaretten vielleicht. Der Dakarer – oder im Deutschen vielleicht der Dakari/Daiquiri/Daktari? – entwickelt im Stau jedoch offensichtlich ausgefallenere Konsumwünsche. Hier wird zwischen der stehenden Blechlawine ein Universum von Kuriositäten feilgeboten. Während die Fahrer brutal um jeden halben gewonnenen Meter kämpfen, verkaufen fliegende Händler im stetigen Stop und seltenen Go ausgewachsene Wanduhren, Gesellschaftsspiele, Schuheinlagen und Grillkohleanzünder. Das weitere Angebot reicht von mobilen Kleiderschränken, über Frisiersets für die Kleinen oder Bauchtrainern bis hin zu Gebetsteppichen. Ich bin nicht davon überzeugt, dass dieser ‚Drive-through‘ wirklich der perfekte Standort für ein solches Warensortiment ist. Wieso finde ich als Verkäufer einer Wanduhr ausgerechnet auf der Rue Wagane Diouf Kunden? Wie funktioniert das in Dakar? „Schatz, ich finde Du hast in letzter Zeit ein wenig zugelegt. Deshalb habe ich Dir von der Avenue Pompidou Ecke Rue Fenelle heute diesen wirklich tollen Bauchtrainer mitgebracht.“ Oder doch eher: „Darling, wenn Du heute Nachmittag auf der Place de l‘Independence staust, denkst Du bitte daran bei Babou – das ist der lustige Dicke mit dem Ringelshirt – diese wunderbaren Ohrstäbchen mitzubringen? Ach ja, und für den Spieleabend mit den Diallos am Freitag: Bring doch bitte auch ein neues Scrabble von der Ampel an der Corniche mit, das alte ist ganz verschlissen.“ Wie dem auch sei, die Mysterien eines erfolgreichen Product Placement im senegalesische Straßenverkauf bleiben im Stau von Dakar ein Buch mit sieben Siegeln. …

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GAMBIA

… Der Gambia River und der dazugehörige Staat teilen den Senegal praktisch in zwei Hälften. ‚The Gambia‘ ist nach zähen Verhandlungen zwischen Engländern und Franzosen 1783 im Versailler Vertrag aus der Taufe gehoben worden. Das kleine Land ist etwa so breit, wie man Ende des achtzehnten Jahrhunderts eine Kanonenkugel mit zeitgenössischer Artillerie schießen konnte. Abgefeuert von den Ufern des Gambia River jeweils nach Nord und Süd. Dazu kommt natürlich noch der Fluss dazwischen. Landmassen in dieser äußerst effizienten Art und Weise zwischen den Kolonialmächten aufzuteilen, war damals besonders in derart unbedeutenden Landstrichen nicht unüblich. …

… Das Gespräch kommt schnell auf die aktuelle politische Situation. Erst seit zwei Jahren gibt es eine neue demokratische Regierung in Gambia. Die vorherige Regierung führte Lieutenant A.J.J. Jammeh diktatorisch. Der Unsympath hatte sich 1994, im zarten Alter von neunundzwanzig Jahren, an die Macht geputscht. Kein schlechtes Alter, um ein Land über ein paar Dekaden auszusaugen und den verdienten Ruhestand noch in den besten Mannesjahren Jahren im Ausland zu genießen, wenn auch in Äquatorial-Guinea. Im Museum sehe ich Fotos von ihm. A.J.J. Jammehs Coolness ist galaktisch und nicht mehr zu toppen: Gleichgültiger Ausdruck um die Mundwinkel, die dunkle Sonnenbrille verdeckt das halbe Gesicht, das rote Barett sitzt keck leicht schräg, auch die Gangster-Rapper können das nicht besser. Müsste ich die Karikatur eines Diktators zeichnen, A.J.J. Jammeh käme ihr verdammt nahe. Auch ohne Worte gibt die Mimik des Diktators auf den ausgestellten Portraits seinen Untertanen knallhart zu verstehen: „Ich bin gefährlich! Nope, ich bin kein fürsorglicher Landesvater! Und lasst mich bloß mit Eurem Kram in Ruhe, während ich das Land plündere!“ Jammeh baute in dem kleinen Land einen allwissenden Inlandsgeheimdienst und ein heimtückisches Drogendezernat auf. Das Drogendezernat fahndete selten nach Drogen, schob unliebsamen Bürgern oder Journalisten aber umso häufiger welche unter. Angeblich gab es kein Geschäft in Gambia in dem der Bösewicht nicht seine schmutzigen Pfoten hatte. Gefiel ihm auf einer seiner Inspektionsreisen durchs Land, ein Unternehmen oder eine Hotelanlage gab es von seiner Entourage sofort ein Angebot, das man nicht ablehnen konnte. Vor zwei Jahren ist er etwas unvorsichtig geworden. Nachdem er mehrfach als Präsident wiedergewählt wurde, vergaß seine Herrlichkeit bei der letzten Wahl, im Vorfeld genügend Stimmen zu kaufen und die Fälschung des Wahlergebnisses ordentlich vorzubereiten. Überraschenderweise hatte plötzlich eine Neun-Parteien-Koalition unter einem gewissen Barrow die Nase vorn. Jammeh, schüttelte sich kurz, gab aber nicht klein bei. Vierzig Tage standen die Dinge in Gambia Spitz auf Knopf, das Land hielt den Atem an. Kommt die neue Regierung ins Amt oder treibt Jahmmehs Militär dem Volk die demokratischen Flausen aus. Ausländer gingen außer Landes. „Afrikanische Soldaten sind nicht furchtsam, wenn es darum geht auf unbewaffnete Zivilisten zu schießen“, lautete Sukuta-Joes zynischer Kommentar zur Lage.

Doch dem neu gewählten Präsident Barrow gelang es – wenn auch nur äußerst knapp – den Häschern seines Vorgängers zu entkommen. In einem Flugzeug, in das ihn ein senegalesischer Diplomat geschmuggelt hatte. Im Senegal wurde er dann in der gambischen Botschaft vereidigt. Erst auf Druck einer Koalition westafrikanischer Staaten, die dem kleinen Gambia mit dem Einmarsch drohten, gab Jammeh schließlich nach, während eine nigerianische Fregatte schon die kurze Küste blockierte. Das kleine Gambia hätte den Armeen mehrerer westafrikanischer Staaten wenig entgegenzusetzen gehabt. Jammeh konnte das Land, wenn auch etwas überhastet, verlassen. Ihm blieb gerade noch genügend Zeit, um auf dem Weg zum Flughafen die Zentralbank zu plündern. In den Tresoren seiner Residenz soll man in großen Mengen hochreines Heroin und Kokain gefunden haben. Eigenbedarf oder Indiz für die in der Region weit verbreiteten halbstaatlichen Nebengeschäfte mit gewissen südamerikanischen Geschäftsleuten?

Die multinationale Aktion diverser westafrikanischer Staaten zur Durchsetzung demokratischer Wahlergebnisse bleibt jedoch ein ermutigendes Beispiel dafür, dass auch die afrikanischen Staaten Positives bewirken können. …

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