CÁDIZ/SPANIEN – Der Aufbruch

Weit unter mir schlägt der Guadalquivir silbrig glänzend seine letzten Haken zum Atlantik. Am Horizont quält sich eine matte Wintersonne durch den wolkenverhangenen Himmel, um einen Hauch von Abendröte über Andalusien zu zaubern, bevor mein Flug sanft in Jerez de la Frontera aufsetzt.

So oder so ähnlich könnte der Bericht über meine kräftezehrende, teilweise an die Grenzen des Erträglichen gehende, Überlandreise nach Westafrika beginnen. Nur das bei dieser Reise weder der silbrig glänzende Guadalquivir noch der Sonnenuntergang oder andere Naturschönheiten im Mittelpunkt stehen werden. Seit einiger Zeit ist in mir der Wunsch gereift, einen der Migrationskorridore afrikanischer Flüchtlinge in umgekehrter Richtung zu bereisen. Die Route aus Schwarzafrika, die Europa über die Straße von Gibraltar erreicht. Dass Westafrika für mich bis dato eine Art Blackbox, eine Wundertüte mit unbekanntem Inhalt, ist, spielt dabei auch eine wichtige Rolle. Wer weiß schon viel über Westafrika? Ein Haufen größerer und kleiner Staaten, die kaum jemand geographisch verorten kann. Dort locken keine Begegnungen mit großen Wildherden, wie in Ostafrika, keine kulturhistorisch wichtigen Monumente, wie die Pyramiden und keine pittoresken Altstädte, wie Stone Town auf Sansibar. Hier scheinen nur politische Instabilität, Bürgerkrieg, Armut, Elend und Ebola zu Hause zu sein. Shithole-Countries: Unter dieser Kategorie verbucht der aktuell beste Präsident der Vereinigten Staaten, Führer der freien Welt und größte Dealmaker der Geschichte, die Länder dieser Weltgegend. Gibt es in Westafrika wirklich nichts als Elend? Wie leben und denken die Menschen dort und was hält die Länder davon ab, sich aus dem Elend zu befreien? Einfacher ausgedrückt: Was, zum Teufel, ist los in Westafrika?

Wichtig ist mir, die Region südlich der Sahelzone über Land zu erreichen. Ich möchte nicht einfach in Dakar aus dem Flugzeug steigen, sondern den Kulturschock Afrika mit jedem Kilometer in kleinen Dosen verabreicht bekommen. Mir ist klar, dass bei dieser Reise der Weg das Ziel sein wird. Eine Reise von Stadt zu Stadt, denn entlegenere ländliche Gegenden in dieser Weltgegend zu erreichen, ist vielfach nur mit unbegrenzter Zeit oder dem eigenen Fahrzeug möglich. Ich möchte Hitze, Sand und Staub spüren, eine Vorstellung von den Strapazen bekommen, die Flüchtlinge auf sich nehmen. Wenn ich auch in der Touristenklasse reisen kann, sofern denn eine vorhanden ist. Zumindest die Schlaglöcher und die schlechten Pisten sind für alle gleich.

Ich will wissen, wer flüchtet wovor. Welche Exzesse und Sauereien treiben so viele Menschen dazu, in Europa ein besseres Leben oder Asyl zu suchen? Wer ist nur ein Wirtschaftsflüchtling, wie das heute so gerne abschätzig formuliert wird und warum gibt es davon so viele aus dieser Region. Kurz gesagt, ich will die Lebensbedingungen in Afrika südlich der Sahelzone und auf dem Weg dahin kennenlernen. Nicht erlebbar ist für mich allerdings das Gefühl illegal zu sein. Der deutsche Pass öffnet auch in Westafrika Tür und Tor, manchmal muss halt ein Visum gekauft werden. Meine Angst entdeckt zu werden, wird sich auf die geschickten Diebe beschränken, für die ich als ‚reicher‘ Europäer eine wandelnde Geldbörse und das perfekte Ziel bin, glaube ich.

Heute bieten sich Reisenden mit einem minimalen Anspruch an die eigene Sicherheit nicht mehr allzu viele Alternativen, die Sahara zu durchqueren. Abgesehen von der Küstenpiste durch Marokko und Mauretanien sind derzeit alle Trans-Sahara-Routen durch die Aktivitäten islamischer Glaubenskrieger oder Bürgerkriege versperrt. Landschaftlich besonders schöne Sahara-Passagen, wie die von Agadez im Niger nach Libyen oder Algerien sind absolut off-limits. Nicht jedoch für die Karawane Hoffnungsloser, für die Risiko ein nachgeordnetes Kriterium ist, die sich auch auf diesen Wegen weiterhin zum Mittelmeer durchschlägt.

Starten will ich definitiv noch in Europa und so gönne ich mir vor meinem Aufbruch ein paar Tage in Cádiz. Diese alte spanischen Handels- und Marinestadt, aus der einst Columbus aufbrach, die Neue Welt zu entdecken, kontrollierte früher den Handel mit Amerika und Afrika. Zwei Tage gutes Essen, guten Wein und ein anständiges Bett, bevor ich die Straße von Gibraltar überqueren werde, das ist mein Plan. Nicht auf der Rechnung hatte ich dabei den ‚Carnaval‘. In Rio, Kölle oder Mainz hätte ich vielleicht etwas genauer auf den Kalender geschaut. Cádiz ist komplett ausgebucht und nur mit Mühe finde ich ein Zimmer. Das karnevalistische Treiben vor Ort erscheint mir, noch viele Tausend Kilometer von der Sahelzone entfernt, symbolisch für die Narretei meines eigenen Vorhabens. Narhallamarsch! Völlig verrückt, mit dem Bus nach Guinea zu fahren! Da gefällt mir die Botschaft des historischen Gemäldes in meiner Herberge schon besser. Ich blicke auf die stolz geblähten Segel zweier Fregatten im weiten Ozean. Darunter der Titel: „Columbus – El viaje perfecto“. Und ich hoffe, das wird Sie: Die perfekte Reise!

 

MARRAKECH/MAROKKO

Marrakech hat das Konzept Haufendorf aufgegriffen, perfektioniert und auf die Größe einer Millionenstadt ausgeweitet. Keine Gasse verläuft schnurgerade. Vieh, winzige Handwerksbetriebe und die dazugehörigen, nicht immer feinen Gerüche, verleihen der riesigen Medina der Metropole immer noch eine dörfliche Aura. Schmale Gassen und hohe Häuser mühen sich oft vergeblich Sonnenlicht und Hitze auszusperren. Aber bei meiner Ankunft mit dem Nachtbus morgens um sieben, bei zwölf Grad, Nieselregen und blassen Farben, weckt die Stadt zunächst keine anheimelnden Gefühle in mir. Es riecht nach Pferdeäpfeln. Über den riesigen fast menschenleeren Djemaa el Fna hasten nur vereinzelt fröstelnde Menschen. Unter tief hängenden grauen Wolken weichen die ersten Lieferanten auf dem Weg zum Souk den großen Pfützen aus. Eher Skandinavien als Orient. Erst gegen zehn schüttelt die Stadt langsam die nächtliche Kälte aus den Knochen und erwacht zum Leben. Die Geschäfte, große oder kleine, manchmal nur bessere Verschläge oder gar ein Loch in der Wand, öffnen. Die Handwerker beginnen zu arbeiten. Die großen Arterien des Souks füllen sich nach und nach mit Männern, die in wollene Djellabas gehüllt sind. Alle paar Meter zweigen überdachte Gassen ab, die sich plötzlich verengen, niedrige Durchgänge und schmale Gassen, die wilde Haken schlagen und durch die manchmal trotzdem Eselskarren zockeln. Oft sind die Gassen so eng, dass nicht einmal zwei Mofas aneinander vorbei passen. Genau das aber – inshallah – dann doch irgendwie hinbekommen. Möglicherweise durch die Nutzung eines Paralleluniversums oder einem Loch im Raum-Zeit-Kontinuum. Ohne eine Miene zu verziehen oder gar das Gas wegzunehmen, halten die Piloten stoisch aufeinander zu. Männer ohne Nerven. Genau in dem Moment, in dem ich mich auf quietschendes Gummi, splitterndes Glas, berstendes Metall und danach auf lautes Wehgeschrei gefasst mache, scheint sich die Zeit zu verlangsamen, der Äther zähflüssig zu werden und schon sind die beiden unversehrt aneinander vorbei. Sehr gerne sogar im eleganten Damensattel. Speed kills! In Marrakech aber höchstens die Fußgänger.

Gassen, changieren in allen denkbaren Ocker- und Rottönen, führen in überraschenden Windungen durch Teppichläden oder enden plötzlich als Sackgasse im Hinterhalt des nächsten Lampenladens. Dieser Standortvorteil wird natürlich geschickt genutzt. Lächelnde, eloquente Verkäufer materialisieren sich aus dem Nichts, schneiden den im Hinterhalt Verirrten den Rückzug ab. Zum Trost wird dem Opfer Tee serviert, wenn er bereit ist, die Anpreisung der neuen Sonderangebote wohlwollend zu verfolgen. Nicht dass ich die teilweise zwei Meter hohen, fein ziselierten orientalischen Kupfer-Grausamkeiten aus dem Lampenladen mit Heim nehmen könnte, aber ohne Würdigung der Handwerkskunst direkt auf dem Absatz kehrt zu machen, wäre mehr als unhöflich.

In diesem Gassen-Irrsinn kann schon einmal ein Teil der Stadt für zweihundert Jahre verloren gehen. Als Sultan Moulay Ismail, mit Beinamen ‚der Blutdürstige‘, gehässiger Weise eine Nekropole seines gestürzten Vorgängers zumauern ließ, brauchte man zweihundert Jahre und die Erfindung der Luftfahrt, um sie im Häusergewirr wiederzufinden. Wohl aus lauter Verzweiflung über so viel Chaos am Boden, kartographierten die Franzosen Marrakech 1917 aus der Luft und stellten fest: Hoppla, da ist ja ein ganzes Stadtviertel, dass wir gar nicht kennen! Schon ein paar Maueraufbrüche später hatten Sie mitten in der Altstadt eine prächtige Nekropole von der Größe mehrerer Fußballfelder entdeckt, die bis dahin anscheinend niemand vermisst hatte.

Das Zentrale dieses ganzen städtebaulichen Wahnsinns ist die Djemaa el Fna, ein riesiger, geometrisch äußerst merkwürdiger Platz in der Mitte der Medina. So als wollten die Erbauer der Stadt den Augen ihrer Bewohner nach all dem Gedrängel und dem Warenüberfluss im Souk Weite und Erholung gönnen. Allerdings ist das mit der Erholung so eine Sache, kommt man nicht gerade morgens um sieben auf die Djemaa el Fna. Nach meiner nicht fachgerechten Schätzung müssen sich bei Einbruch der Dunkelheit bis Mitternacht zwischen zwanzig- und dreißigtausend Leute auf dem Platz herumtreiben. Fliegende Händler aus dem Senegal, Gaukler, Schlangenbeschwörer und Affen-Dompteure bilden die illustre Staffage. Wasserverkäufer zeigen sich in ihrem exotisch rot-goldenen Outfit, Handleserinnen tauschen untereinander ihre Weisheiten aus. Geschichtenerzähler sind in Fünferreihen von Zuhörern umringt. Ambulante Zahnärzte warten am Campingtisch hinter ihren grausigen Instrumenten auf Laufkundschaft. Also, trag‘ deine Wertsachen am Körper, stürz‘ Dich ins Gedränge und pass‘ auf, dass Du nicht auf eine schlecht beleuchtete Königskobra trittst! Den Soundtrack zur Szenerie bildet ein Durcheinander unterschiedlicher Musiker aus allen Regionen Marokkos und der Sahara. Alle Klänge mischen sich zu einem wilden Durcheinander. Penetrante Flöten konkurrieren mit dem Jaulen einseitiger afrikanischer Geigen, unterlegt von einem alles durchdringenden, stundenlangen Bongostakkato. Zudem ist der Platz auch die Garküche der Nation. Hier wird pochiert, gegrillt, flambiert. Hohe Stichflammen erhellen die Nacht und begnadete Grillmeister Hantieren mit großen Tierteilen, während ein buntes Völkergemisch aus Marokkanern, Saharawis, Schwarzafrikanern und Touristen an den richtigen Stand für Kefta, Tajine oder Orangensaft gelotst werden will. Um dieses Irrenhaus als Weltkulturerbe in irgendeine Schublade zu bekommen, hat die UNESCO für die Djemaa el Fna eigens das Label ‚Meisterwerk des mündlichen und immateriellen Erbes der Menschheit’ erfunden. Wie man das schützen kann, weiß ich nicht. Wohl am besten, indem man den Platz einfach zur rechtsfreien Zone erklärt, die Akteure in Ruhe lässt, sich aus allen undurchsichtigen Aktivitäten heraushält und das Durcheinander nur vom Rand her beaufsichtigt.

…mehr demnächst in Teil II und in Books on demand…