SHQUIPËRIA / ALBANIEN: Das Vermächtnis der Betonköpfe und Bunkerbauer

Urlaubsziel für den Sommer gesucht? Wie wär’s mit Albanien? Ein spannendes, abwechslungsreiches Land mit vielen Highlights lockt mit vielfältigen Genüssen.

Aber nicht nur das: In Zeiten eines neuen europäischen Nationalismus, von Abschottung, BREXIT und „America first“ à la Trump kann in Albanien besichtigt werden, wohin die Politik von Betonköpfen und paranoiden Bunkerbauern führt. An albanischen Stränden stehen die architektonischen Zeugen von Missgunst, Isolation und der Angst vor dem Fremden.

Nach dem zweiten Weltkrieg isolierte sich Albanien, das Jahrhunderten der Fremdherrschaft hinter sich hatte, unter dem Kommunisten Envar Hodscha von Freund und Feind: Zunächst vom misstrauisch beäugtem Brudervolk der Jugoslawen, später vom großen Bruder Sowjetunion, dann sogar vom letzten ernstzunehmenden Verbündeten – der Volksrepublik China. Nordkorea kehre ich an dieser Stelle unter den Teppich, da man ohnehin eher eine Fernbeziehung pflegte. Die Folge waren Verfall, Verarmung und das Abgleiten in einen paranoiden Überwachungsstaat. Das Ergebnis: Bunker am Strand, Bunker an Landstraßen, Bunker an den Kreuzungen der Städte. Bunker, um sich vor Invasoren zu schützen, die nie kamen, Bunker für einen Partisanenkampf, der nie stattfand.

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Noch heute leidet das Land unter den bleiernen Jahren des Kommunismus albanischer Prägung, den Geburtswehen der Öffnung und dem überfallartigen Einzug des Kapitalismus. In den 90er Jahren investierte eine auf die Marktwirtschaft unvorbereitete Bevölkerung bei Zinssätzen von 30-50% pro Monat (!) in dubiose Investmentfirmen. Albaniens Ökonomie ist wohl die einzige, die in Folge eines Schneeballsystems zusammenbrach. Wohl 80% aller Albaner verloren ihre Ersparnisse. Es folgte der sogenannte Lotterieaufstand mit gewalttätigen Massenprotesten und dem vorübergehendem Machtverlust der Staatsgewalt. Anarchie! Die Bevölkerung floh auf gekaperten Schiffen nach Italien, Ausländer wurden mit Helikoptern auf Flugzeugträger in der Adria ausgeflogen. Und schließlich musste eine albanische Regierung sogar um die Intervention des Auslands bitten, um die Ordnung wieder herzustellen!

Was verbindet man bei uns mit Albanien? Blutfeden? Die Kiez-Mafia? Einige Ältere erinnern sich noch an die „Schande von Tirana“ oder andere quälend zähe Qualifikationsspiele der Nationalmannschaft in den 60er und 70er Jahren – übertragen in verschneitem Schwarz-Weiß von einem unsäglichem Acker am gefühlten Ende der damaligen Welt.

Inzwischen haben sich die Skipetaren von den Katastrophen der jüngeren Vergangenheit erholt und das Land ist aus seinem Dornröschenschlaf erwacht. Neben seiner deftigen Balkanküche, sonnenverwöhntem Wein und hochprozentigem Maulbeer-Raki lockt das Land mit seinen Stränden, unberührten Bergregionen und malerischen mittelalterlichen Städten. Gleich zwei davon – Berat und Gjirokaster – besitzen Weltkulturerbe-Status. Darüber hinaus gibt es architektonische Überbleibsel aus vielen Epochen bis zurück in die Antike, wie die wunderschön gelegenen Ruinen von Butrint. Die quirlig kunterbunte Hauptstadt Tirana überrascht mit seinen lebhaften Cafés und einer fantasievollen Bar-Szene in südländischem Flair. Das wunderschöne Land ist inzwischen ein Geheimtipp für Trekking-Touristen aus Westeuropa sowie beliebtes Ziel für Gäste vom Balkan, Italiener und Griechen. Mit seinem uralten Nebeneinander der Religionen, empfängt das Land gerne Gäste aus aller Welt. – und keine Angst vor den bösen Jungs: Die wissen, dass auf dem Hamburger Kiez mehr zu holen ist.